Montag, 18. Dezember 2017
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Kleine Lügen – lange Beine?

Leon Adato, Head Geek bei SolarWinds (Quelle: SolarWinds)

In der Arbeitswelt wird oft nur die halbe Wahrheit ausgesprochen. Dabei kann es sich um eine „Notlüge“ handeln, oder auch um eine dreiste Verdrehung der Tatsachen. Falls es um eine Deadline geht, von der man genau weiß, dass man sie nicht einhalten kann, könnten die Verantwortlichen sagen: „Kein Problem!“ Oder wenn man sich selbst verspricht, dass man nur diese eine Tasse Kaffee trinken wird: Solche kleinen Unwahrheiten können den Arbeitstag erträglicher gestalten oder uns vor etwas schützen, das wir nicht wahrhaben wollen. Dies trifft auch auf IT-Experten zu, die die Wahrheit schon immer gerne mal etwas „großzügig“ auslegen. 

Generell geht es nicht um solche Lügen, die zum sofortigen Ende der Karriere führen könnten. Betrug ist und bleibt ein absolutes Tabu. Es geht vielmehr um Lügen, die einem selbst vielleicht noch nicht einmal auffallen, wenn man sie ausspricht – banale Binsenweisheiten, die man garantiert selbst nicht glaubt, aber dennoch immer wieder sagt.Regelmäßig werden unsinnige Redewendungen gebraucht wie „Work smarter, not harder“ oder “Wahrnehmung ist Realität” (im Englischsprachigen “perception is reality”), um der Wahrheit einer Situation aus dem Weg zu gehen: dass wir für ein Problem schlicht keine Lösung haben oder dass uns enorm viel Arbeit bevorsteht, wenn wir eine Lösung finden wollen.

Einem Programmierer kann man nichts vormachen

Insbesondere wenn es um Code und das Programmieren geht, übertreiben es IT-Administratoren oft ein wenig, was ihre Produktivität beim Programmieren angeht. Wer einen IT-Experten nach einem Zeitrahmen fragt, kriegt häufig die Antwort: „Das kann ich in einem Tag programmieren... zwei maximal!“. Leider ist das selten wirklich der Fall. Kurz nachdem diese Prognose ausgesprochen ist, realisiert er üblicherweise, dass das sehr gewagt war und dass er in diesen „ein, maximal zwei Tagen“ höchstens eine Trockenübung hinbekommt – eine Übergangslösung, bis irgendwann mehr Zeit ist, um die Sache ernsthaft zu erledigen.

Aus irgendeinem Grund kommen ihnen nicht selten auch Lügen über die Lippen, die sie selbst am Vorankommen hindern. Meist wird behauptet, der Code würde sich selbst dokumentieren, und sie wären damit aus dem Schneider. Sollte das nicht funktionieren, gibt es immer noch die höchst unwahrscheinliche Behauptung, der Code sei im Grunde narrensicher.

Wenn sich Endbenutzer dann beschweren, weil sie bestimmte Funktionen nicht finden, sind die ITler dann meist sogar überrascht und etwas verärgert – obwohl es ja selbst geschaffene Probleme sind.  Dankenswerterweise können sie sich mit einer weiteren harmlosen Lüge ganz einfach trösten und sagen, dass dieses Problem bald behoben sein wird und eine einfache Lösung unmittelbar bevorsteht – meist in Worten wie „die Dokumentation wird geschrieben, sobald wir die Produktionsversion veröffentlicht haben“.

Wenn es ums Testen geht, bringen unverblümte Lügen meist nichts. Wenn ein IT-Experte vorgibt, der Code habe bei einem Test keinerlei Bugs gezeigt, handelt es sich um eine Mischung aus unrealistischem Optimismus und seliger Unwissenheit. 

Sicherlich, es ist möglich, dass der Code in der Testumgebung reibungslos funktionierte, und das ist doch gut genug, oder nicht? Sie sagen sich und anderen, dass der Code einsatzbereit ist, und wissen im Grunde des Herzens doch, dass sie sich gerade ziemlich ernsthaft in die Irre führen. Eine Testumgebung ist schließlich etwas komplett anderes als ein Test unter Produktionslast, bei dem der Druck höher ist und zwangsläufig Probleme auftreten werden – ganz egal, wie makellos der Test vorher war. Aber man darf ja noch träumen, oder?

Ja Chef, das  Backup funktioniert einwandfrei!

Zum Job und Methoden des IT-Profis, um ihn für uns selbst einfacher zu gestalten, gehören immer auch Annahmen, Mutmaßungen und Phantasien. Wenn sie beispielsweise einen Patch einführen, ist es oft verführerisch, davon auszugehen, dass Backups vorhanden sind (und zudem auch funktionieren) oder dass sich nichts Wertvolles im System befindet. 

Doch dies ist einer der vielen Bereiche, in denen sich Lügen sehr schnell rächen können. Sicherungen, Testwiederherstellungen, Notfallwiederherstellung und Hochverfügbarkeit sind so wichtig, dass ein Unternehmen es sich nicht leisten kann, sich auf Annahmen zu verlassen. IT-Experten müssen wachsam und diszipliniert den Status der Systemsicherungen erfragen, bevor sie irgendwelche Änderungen durchführen. Wenn man das nicht durchführt, riskiert man den Verlust von Daten. Dabei ist der Aufwand, die erstellten Backups regelmäßig auf ihre Wiederherstellbarkeit zu prüfen, durchaus hoch. Aber diese Arbeit „rechnet“ sich spätestens beim Festplattenausfall auf den Unternehmens-Storage.

Ein Beispiel zum Thema falsches Vertrauen in Backups: Vor dreißig Jahren – zu Beginn meiner eigenen Karriere – führte ich ein Upgrade für den aus heutiger Sicht überteuerten Toshiba-Laptop meines ersten Kunden durch, als plötzlich seine Festplatte vor meiner Nase den Geist aufgab. Das Betriebssystem und die Software wiederherzustellen war damals zwar nervig und umständlich, aber keine große technische Herausforderung. Die persönlichen Daten lassen sich ja ebenfalls relativ zügig aus dem letzten Backup-Datensatz wieder auf das System aufspielen. Und ein Backup sollte der Kunde ja besitzen, wenn er wichtige Daten auf seinem PC speichert – oder etwa nicht?

Leider wurde mein Angebot, es aus der Sicherung des Kunden wiederherzustellen, mit einer Schimpftirade begrüßt, in der ich als „Idiot“ bezeichnet wurde. Und er hatte absolut Recht. Ich hatte bei Arbeitsbeginn keine Sicherung erstellt, und der Kunde hatte ebenfalls noch nie ein Backup erstellt. Die Moral dieser kleinen Geschichte lautet: Vermutungen und Annahmen bringen niemandem etwas, schon gar nicht in der IT.

Es ist der Lauf der Dinge: Oft sind Lügen einfacher, als die Wahrheit zu sagen. Manchmal sind es kleine Flunkereien, die einen selbst nur mehr unter Druck setzen, oder idiotische Klischees, die schon lange nicht mehr nützlich sind. Egal worum es geht, IT-Experten sollten einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Ist es die Lüge wert? Oder sollte ich nicht einfach die Aufgabe angehen, die man gerade unbedingt vermeiden möchte? Oft wird man erkennen, dass die zweite Methode deutlich vielversprechender ist.

Leon Adato, Head Geek bei Solarwinds

 

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